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Mo, 30. 04. 2007 12:12 CEST

Unternehmensethik und der Raubtier-Kapitalismus (zweiter Teil)

Um herauszufinden, warum unsere Wirtschaftsordnung CSR-Aktivitäten hervorbringt, kann man zunächst durchaus vom Fall der strikt gewinnmaximierenden Unternehmung ausgehen und sich überlegen, was diese antreibt.

Da ist zunächst natürlich das Risiko, durch unterlassene CSR ein PR-Fiasko wie bei der geplanten Versenkung von “Brent Spar” zu erfahren. Als Lektion aus diesem Ereignis sollte jedes Unternehmen untersuchen, welche Akteure ihm auf die Finger sehen, worauf diese achten, und dann bei Projekten in eine Stakeholder-Analyse miteinbeziehen. Shell hätte also bei der “Brent Spar”-Aktion frühzeitig im Prozess das Interesse von Umweltorganisationen erkennen sollen und es berücksichtigen sollen.

CSR-Stakeholder frühzeitig in Prozesse einbinden

Das ist freilich eine sehr zynische Sicht. Man kann sich das schwer vorstellen, dass das Management über eine Entscheidung berät und dabei mit als Tagesordnungspunkt das “CSR-Risiko” minimiert. Soundsooft sind solche Vorgänge viel zu komplex, als dass die Lösung - bei “Brent Spar” die Entsorgung an Land - auf der Hand liegt. Stattdessen müssen Unternehmen das soziale oder ökologische Know-How ihrer Mitarbeiter mobilisieren und ihre Entscheidungsträger entsprechend weiterbilden lassen; oder direkt Mitglieder des externen Stakeholders in den Prozess einbinden. Vor allem die letzte Variante eröffnet Unternehmen heute wichtige PR-Chancen: So kann die Glaubwürdigkeit von Presseerklärungen oder Artikel in einer CSR-Broschüre auf diese Weise deutlich gesteigert werden.

CSR ist also nicht nur ein Instrument, um schlechte PR zu vermeiden, sondern kann auch offensiv genutzt werden, um einen vorhandenen Ethikkodex mit Leben zu füllen oder einfach nur zusätzlichen Goodwill zu erzeugen. Aber über welche Mechanismen tragen solche Maßnahmen zum Unternehmenserfolg bei?

Im ersten Teil des Artikels wurde schon auf die Umsatzrisiken eingegangen, die von Konsumenten ausgehen, die ein Stück weit soziale und ökologische Verantwortung kaufen wollen oder auf keinen Fall Umweltausbeutung unterstützen wollen. Vielleicht bleibt noch hinzuzufügen, dass abhängig von der Verankerung dieser Idealisten unter der Kundschaft eines Konzerns auch die Pragmatiker beeinflußt werden können - vor allem, wenn der Konsum der Produkte gemeinschaftlich erfolgt und so CSR-Aspekte zum “Tischgespräch” werden können; oder aber, wenn die Idealisten als Meinungsmultiplikatoren fungieren oder eng mit diesen vernetzt sind.

Ob persönliche Kaufentscheidungen nach außen gerechtfertigt werden müssen und die Vernetzung zwischen Konsumentengruppen hier einen Einfluß hat, ist auch stark kulturell geprägt. So erzählte mir vor einiger Zeit ein Freund von der Überraschung seiner Frau, dass Besucher und Bekannte sie stark dafür getadelt hätten, dass sie ihren Müll nicht trennt. Da die Frau aus ihrem Heimatland USA so ein Verhalten überhaupt nicht gewohnt war, hatte sie schnell einen greifbaren Namen für diese Art der Deutschen zur Hand: “Ökofaschismus”. Es liegt auf der Hand, dass hier für eine Gesellschaft ein starker Hebel besteht, um die Produktionsweise seiner Wirtschaft nach anderen Kriterien als Kosten und Produktnutzen auszurichten.

In diesem CSR-Artikel in der FTD wird Prof. Andre Habisch folgender Satz zugeschrieben: “In England erkundigt sich bereits mehr als die Hälfte der Bewerber nach dem Standing des Unternehmens.” Das betreffe vor allem die qualifizierteren Arbeitnehmer. In dem Artikel wird dabei vor allem ein Bezug hergestellt zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, also einem Gut, das direkt dem Arbeitnehmer zu Gute kommt. Interessant wird es aber vor allem, sobald Dritte durch das Engagement betroffen sind. Wenn es gelingen kann, die besonders produktiven Arbeitnehmer von der Verantwortung eines guten Arbeitgebers zu überzeugen, muß ein regelrechter Wettbewerb zwischen den Unternehmungen um die beste CSR-Policy ausbrechen.

“Institutionelle Dividende” von Unternehmens-SR

Zuletzt ist es wichtig zu sehen, dass CSR kein Nullsummenspiel ist. Im ersten Teil wurde die Möglichkeit angedeutet, dass der Staat durch Steuern und öffentliche Ausgaben viele CSR-Leistungen selber erbringen kann (wie das auch die ordoliberale Schule der Ökonomie propagiert). Ebenso könnten die Arbeitnehmer sich die “CSR-Prämie” auch ausbezahlen lassen und dann eben nach Betriebsschluss eine Alternative zur Versenkung von “Brent Spar” suchen (bei Greenpeace?).

Tatsächlich ist das aber zu einfach - denn es gibt zwei starke Gründe dafür, dass gerade Unternehmungen CSR betreiben:
Erstens haben Unternehmen bereits einen funktionierenden institutionellen Rahmen entwickelt, der effektiv in die Sphären der Stakeholder eingreift - was liegt da näher, als genau diesen Rahmen zu nutzen, um auch die Interessen der Stakeholder zu berücksichtigen und direkte in den Unternehmensprozessen zu verankern (und nebenbei Trittbrettfahrerprobleme zu mindern) ?
Zweitens kann CSR einen gewaltigen Effekt auf die Arbeitsmotivation der Arbeitnehmer haben, da es extrinsische Lohnanreize durch eine intrinsische Motivation ersetzt - bei den Mitarbeitern, die selbst CSR durchführen, und auch bei denen, die an ganz anderen Funktionen sitzen, aber die durch ihre Arbeit mit an der wirtschaftlichen Grundlage für das CSR-Engagement des Unternehmens arbeiten und so auch einen persönlichen Bezug zur Aktivität “ihres” Unternehmens finden.

Es gibt also gesamtwirtschaftlich Vorteile, wenn gerade Unternehmen sich sozial und ökologisch engagieren: Durch ihre schon vorhandene Nähe zum Problemfeld haben sie geringere Problemlösungskosten als Privatpersonen; sie können ihren Mitarbeiten schon einen institutionellen Rahmen anbieten, der sonst etwa in einem Verein erst aufgebaut werden müßte, was eine Hürde für so ein Engagement darstellt; und sie können die Arbeitsmotivation ihrer Mitarbeiter nachhaltig erhöhen. Diese Punkte stellen letztlich die “Institutionelle Dividende” von CSR gegenüber steuerfinanzierten staatlichen Eingriffen dar.

Lesen Sie im dritten Teil, wie Einzelpersonen indirekt über CSR die Wirtschaftsweise verändern können.

1 Kommentar:

Bezüglich der Frage, warum Unternehmen socially responsible agieren sollten:

Ich glaube der Hauptgrund aus einer ökonomischen Perspektive ist folgender; dass es eine Reihe von denkbaren Produktionsmechanismen gibt, deren sozialen Kosten die durch die Produktion erwirtschafteten Gewinne übersteigen. Dies impliziert die Widerlegung eines oft gehörten Argumentes gegen CSR: Um soziale Verantwortung zu übernehmen, müssen zuerst Gewinne erwirtschaftet werden - die dann anschließend verteilt werden können.

Folgendes Beispiel zur Illustration: Produkt X wird von Firma Y unter dem Einsatz von Z Sklaven produziert. Egal wie produktiv die Firma ist - sie kann niemals genug Gewinne erwirtschaften um das Arbeitsleid der Sklaven während des Produktionsprozess’ zu kompensieren. In dem Fall wäre aus sozialer Sicht also keine Produktion besser als die skizzierte Produktion. Und genau darum, ist es wichtig, dass Unternehmen sozial verantwortlich wirtschaften (anstatt dass lediglich Unternehmensgewinne duch den Staat über Steuern sozial gerecht umverteilt werden)!

Von Robert Ulbricht / Dezember 6th, 2006, 23:56

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