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Mo, 30. 04. 2007 12:02 CEST

Gerechtigkeitsprinzipien unter der Lupe

Was ist eigentlich gerecht? Die vordergründig so plausible Antwort: Gleichheit! erscheint nach sorgfältiger Betrachtung diffiziler als sich der Betrachter vor einer Erörterung vielleicht erwartet hat. Begriffe wie “Soziale Gerechtigkeit”, “Chancengleichheit” und politische Konzepte wie der “Länderfinanzausgleich” und die “progressive Einkommenssteuer”, denen jeweils verschiedene Nuancen von Gerechtigkeit zu Grunde liegen, lassen auf die Bedeutung dieser Frage für die moderne Gesellschaft schließen.

Wird eine Form von Gleichheit als zentrales Gerechtigkeitskriterium akzeptiert, so muss die unausweichbare nächste Frage lauten: Gleichheit von was? Die Probleme mögen bei konservativen Ansätzen wie Vermögens- oder Einkommengleichheit noch nicht offenkundig sein; doch was ist wenn z.B. ein Spieler sein gesamtes Vermögen verzockt? Soll die Gesellschaft für den Verlust ad infinitum aufkommen um sein Vermögen konstant zu halten (Vermögensgleichheit) oder ihn besser in seinem Elend sich selbst überlassen nachdem er sein Einkommen verspielt hat (Einkommensgleichheit)? Beide Ansätze scheinen nur bedingt geeignet um unserem Verständnis von Gerechtigkeit zu entsprechen.

Leistungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und Wohlfahrt für alle

Aber auch Modekonzepte wie Leistungsgerechtigkeit und Chancengleichheit können schwerlich überzeugen. Denn Folge beider Konzepte ist, dass Unbegabtheit in dem Einen und Pech im Anderen Fall ins finanzielle Nichts führen. Es scheint als ob jede Art von Gleichheit zwangsweise Ungleichheit an anderer Stelle verursacht. Am deutlichsten wird dies bei dem an sich an Gerechtigkeit kaum zu übertreffenden Prinzip: Gleiches Glück für Alle! Ziel dieses fortschrittlichen Ansatzes ist es Unterschiede in individuellen Begabungen, äußerlichen Zufallseinflüssen und Bedürfnissen auszugleichen und kollektive Wohlfahrt so zu verteilen, dass jeder im gleichen Maße daran profitiert. Kleine und große Unterschiede in den Bedürfnissen, wie etwa Ansprüche an den Wohnraum oder bevorzugte Hobbies sollen und können dabei von einem reichen Staat gezielt überbrückt werden - auch wenn dies in Einzelfällen nicht als gerecht erscheinen mag (und in Extremfällen kaum zu finanzieren ist). Spätestens jedoch wenn individuelle Bedürfnisse in Widerspruch geraten, sei es im Streit um einen raren Sammelgegenstand, wegen der Neidgefühle um Nachbars Ehefrau oder verursacht durch sadistische Zerstörungswut, dann zeigt sich, dass dieses Prinzip kaum praxistauglich ist.

Ist also Gerechtigkeit am Ende gar nicht von Gleichheit abhängig? Diese Frage soll hier unbeantwortet bleiben; dem Autor fehlte es zugegebenermaßen auch an Erkenntnis um hier zu einer abschließenden Antwort zu gelangen. Es sei jedoch noch angemerkt, dass es ihm hochgradig überraschte wieviele Unklarheiten und Widersprüche sich verbürgen hinter dem im Alltag so oft zu hörendem “So ist es gerecht!”

2 Kommentare:

Eine schwierige Frage! Ich finde, ein Gerechtigkeitsprinzip muß einen Ausgleich finden zwischen der Gleichheit der durch eigenes Handeln erreichbaren Möglichkeiten, den Unterschieden bei den Ressourcen, die Personen für sich nutzbar machen können, und den Ergebnissen, die faktisch erreicht werden.

Chancengerechtigkeit: Jeder in Bayern kann Abitur machen und dann Staatsminister werden. Faktisch jedoch ist das bayerische Bildungssystem hoch selektiv, da es nicht um die unterschiedlichen familiären Voraussetzungen korrigiert; deshalb werden die Kinder von Handwerkern in erster Linie… Handwerker. Die PISA-Studie hat festgestellt dass Bayern hier das ungerechteste Bildungssystem hat, obwohl es rein formal gleiche Chancen gibt.

Stattdessen kann ein Bildungssystem systematisch alle Kinder auf ein gleichermaßen hohes Kompetenzniveau bringen, sodass sie letztlich ihre eigene Begabung gleichermaßen leicht entfalten können und nicht daran scheitern, dass sie sich nicht ausdrücken können oder wegen ihres Hintergrunds ausgeschlossen werden und so gar nicht erst Zugang zu den Gruppen bekommen, die sie für weiteres Lernen benötigen.

Drittens kann immer noch etwas schiefgehen, auch nach dem Aufbau gleicher formaler Voraussetzungen und faktischer Ressourcen. Hier können Steuer- und Sozialsystem als quasi-Versicherung fungieren, wobei bestimmt auch ein Auge auf die Anreizkompatibilität gelegt werden muß.

Von Christoph Kung / November 26th, 2006, 14:32

Die Frage die sich für mich am Beginn dieser Debatte herauskristallisiert ist, ob es wie von Christoph beschrieben irgendeine Art von hybriden Gerechtikkeitsprinzip gibt, welches Allgemeingültigkeit erlangen kann oder ob Gerechtigkeit im Endeffekt immer subjektiv bleibt.

Die Tatsache, dass Gerechtigkeit so schwer zu definieren ist, dafür ‘aus dem Bauch heraus’ meist schnell beurteilt ist (wie z.B. in Christophs Beispiel) scheint in beide Richtungen zu gehen: Die Klarheit der (subjektiven) Einschätzung von Erfahrungen und Schilderungen spricht dafür, dass zumindest subjektiv klare Gerechtigkeits-Kriterien existieren. Allein deren (subjektiv gültige) Benennung scheint jedoch schon unmöglich. Vielleicht ist eine subjektive Gewichtung der unterschiedlichen Gerechtigkeitsprinzipien ein möglicher Ansatz…

Da die Bestimmung von Gerechtigkeitskriterien ‘aus dem Bauch heraus’ schwerlich objektiven Charakter erlangen kann, hilft dieser Ansatz bei der Bestimmung objektiver Kriterien wenig weiter, so dass die Frage ob es allgemingültige Gerechtigkeitsprinzipien gibt auf diese Weise kaum gelöst werden kann. Ein empirischer Vergleich subjektiver Gerechtigkeitsansätze könnte hier vielleicht zusätzliche Erkenntnisse liefern …

Von Robert Ulbricht / November 26th, 2006, 19:31

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