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Di, 01. 05. 2007 10:44 CEST

Entwicklungsländer auf Aufholjagd?

Klassische volkswirtschaftliche Wachstumsmodelle implizieren, dass Entwicklungsländer unter sonst gleichen Bedingungen schneller wachsen als entwickelte westliche Staaten. Sind die strukturellen Grundlagen für Wachstum erfüllt werden Entwicklungsländer dem Wachstumspfad der heutigen postindustrialisierten Staaten folgen und Entwicklungsunterschiede bauen sich langfristig ab. In diesem Kontext ist auch die Aufgabe von Weltbank und IWF zu sehen, deren Arbeit großteils darin besteht die strukturellen Voraussetzungen für Wachstum zu schaffen.

Nach der klassischen Wachstumstheorie prägt die technologische Entwicklung eines Landes die gesamtwirtschaftliche Entwicklung wesentlich. Anhand von Zahlen aus der Praxis ist dieser Einluss nicht zurückzuweisen; die Wirtschaftskraft eines Staates ist weitgehend durch dessen technologische Entwicklung charakterisiert. In Anbetracht der gravierenden technologischen Unterschiede zwischen afrikanischer Agrarstaaten und westlichen Dienstleistungsgesellschaften, welche sich vielleicht bereits auf dem Sprung in eine stark virtuell geprägte Welt befinden, ist es jedoch zweifelhaft ob zukünftiges Wachstum so reibungslos wie durch die Theorie nahe gelegt abläuft. Ökologische, ökonomische und nicht zuletzt politische Widerstände scheinen einen Industrialisierungsprozess wie ihn Europa im 19. Jahrhundert durchlaufen hat für die Entwicklungsländer unmöglich zu machen.

Steigende Ölpreise, Umweltklauseln und Technologiesprünge

Unter Anderem werden weltweit knapp werdende Ressourcen den zukünftigen Aufstieg von Entwicklungsländer wahrscheinlich erschweren. Nicht nur der ausgehende fossile Brennstoff, sondern vor allem die energiehungrige Konkurrenz aus der entwickelten Welt, welche die Energiepreise in futuristische Höhen treibt, dürfte die Industrialisierung deutlich schwieriger als im Europa des 19. Jahrhunderts gestalten. Ähnliche Vorteile hatten die europäischen Vorreiter bei der (Nicht-)Einhaltung von Umweltstandards. Hingegen sind Schwellenländer heute bereits dem wachsenden Druck von Greenpeace & Co, sowie westlicher Politiker ausgesetzt. Es versteht sich von selbst, dass eine dem 19. Jahrhundert äquivalente Entwicklung der Nachzügler die Belastbarkeit der Erde übersteigen würde.

Ein alternatives Szenario skizziert der britische Economist in seiner aktuellen Ausgabe. Demnach ist es ein Irrtum den technologischen Entwicklungspfad der entwickelten Staaten als fest vorgeschriebenen Kurs für Entwicklungsländer anzunehmen. Vielmehr scheint es plausibel, dass Entwicklungsländer ganze Technologiestufen überspringen und stattdessen auf im Westen bewährte Technologie setzen werden.

Es spricht einiges dafür, dass dies langfristig zutrifft. Jedoch ist die modernste Technologie oftmals auch vergleichsweise teuer, so dass heutige Schwellenländer bewusst auf veralte Technologien setzen. In den osteuropäischen Staaten bommt z.B. der Handel mit deutschen Gebrauchtwagen, während ausrangierte russische Militärflugzeuge nach China exportiert werden. Technologiesprünge stellen demnach vor allem dann eine sinnvolle Alternative dar, wenn Entwicklungsunterschiede groß sind und ausgereifte zukunftsweisende Technologien kostengünstig verfügbar sind. Ob dies derzeit gegeben ist, soll hier nicht berurteilt werden; nur so viel: ein Sprung von der Feldarbeit zur Werksarbeit scheint heute in den meisten Staaten möglich zu sein. Dieser führt jedoch zu oben skizzierten Problem. Die relevantere Frage lautet: wie lange dauert es bis modernste, Umwelt- und Ressourcenschonende Produktionsverfahren in einem Sprung übernommen werden können?

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  • Quelle: FTD